Die Stimme der Vernunft 1
Sie trat sehr vorsichtig ins Zimmer, leise, mit lautlosen Schritten, schwebte durchs Zimmer wie ein Gespenst, wie eine Erscheinung. Und den einzigen Laut, der ihre Bewegung begleitete, erzeugte der Umhang, der sich an der nackten Haut rieb. Doch gerade dieses winzige, kaum hörbare Rascheln war es, das den Hexer weckte oder vielleicht auch nur aus dem Halbschlaf riss, in dem er sich monoton wiegte wie in einer bodenlosen Tiefe, in der Schwebe zwischen dem Grunde und der Oberfläche einer ruhigen See, inmitten sacht wogender Stränge von Tang.
Er bewegte sich nicht, zuckte nicht einmal. Das Mädchen flatterte näher heran, warf den Umhang ab und stellte langsam, zögernd das gekrümmte Knie auf den Rand des Bettes. Er betrachtete sie zwischen gesenkten Wimpern hindurch und verriet noch immer nicht, dass er nicht schlief. Das Mädchen legte sich vorsichtig auf das Lager, auf ihn, und umschlang ihn mit den Schenkeln. Auf die ausgestreckten Arme gestützt, strich sie ihm mit den nach Kamille duftenden Haaren übers Gesicht. Entschlossen und anscheinend ungeduldig beugte sie sich herab, berührte mit der Spitze einer Brust seine Lider, die Wangen, die Lippen. Er lächelte und fasste sie um die Schultern, mit einer sehr langsamen Bewegung, vorsichtig, behutsam. Sie streckte sich und wich seinen Fingern aus, strahlend, erleuchtet, von ihrem eigenen Lichtschein in der nebligen Helle der Morgendämmerung verschwommen. Er bewegte sich, doch mit dem festen Druck beider Handflächen verwehrte sie ihm, seine Stellung zu verändern, und forderte mit leichten, doch entschiedenen Bewegungen der Hüften eine Antwort.
Er antwortete. Nun wich sie nicht mehr vor seinen Händen zurück, sie warf den Kopf und die Haare nach hinten. Ihre Haut war kühl und erstaunlich glatt. Die Augen, die er sah, als sie ihr Gesicht seinem näherte, waren groß und dunkel wie die Augen einer Nixe.
Hin und her gewiegt versank er im Meer von Kamille, das zu wogen und zu rauschen begann, ruhelos geworden.